Keiner rechnete schneller als Schorsch

GSPANNBERG - Rechenmeister Adam Riese ist vor genau 450 Jahren, am 31. März 1559, im Erzgebirge gestorben. Der Vater des modernen Rechnens hätte seine helle Freude gehabt an Georg Kratzer aus Gspannberg, der Zeit seines Lebens (1885-1949) die Menschen mit Rechenkünsten in Erstaunen versetzte. Zeit seines Lebens? Nicht ganz. Als kleiner Junge ist Georg Kratzer auf dem elterlichen Hof vom Scheunenboden gefallen, seither blieb er kleinwüchsig, geistig entwickelte er sich nicht wie Gleichaltrige weiter, konnte aber plötzlich rechnen wie ein moderner Computer, so schnell und mit so großen Zahlen, dass die Leute ihn später «Bauernprofessor» nannten.

Dass er körperlich zurückblieben war, bewahrte den jungen Kratzer 1914 davor, in den Krieg ziehen zu müssen. Er blieb auf dem elterlichen, vom Bruder geführten Hof und ist hier auch im Jahr 1949 verstorben. Weil er über die Jahre wegen seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten in der Region zu einer Berühmtheit wurde, klopften schließlich Professoren, Journalisten und Zirkusdirektoren bei ihm daheim an. Die einen wollten ihn testen und sein Geheimnis lüften, die anderen wollten ihren Lesern eine interessante Geschichte erzählen, und die letzteren wollten Kratzer für ein Engagement gewinnen.

Der schmächtige Georg Kratzer aus dem kleinen Gspannberg im Scheinwerferlicht unter der Zirkuskuppel – ob sich der Bauernprofessor damals vorgestellt hat, auf was er sich da einließ, als er ein Engagement bei einem großen Zirkus annahm? In einem Gespräch, das er 1936 mit Journalisten führte, erinnerte sich Georg Kratzer, wie er für den Zirkus engagiert wurde: «Ja, eines Tages ist zo uns hier auf dem Kratzerhof ein feiner Herr kumma und hat gsagt: Kratzer, i wüßt was feins für Sie. Sie sind so a großer Rechenkünstler, kommen Sie zu uns zum Zirkus.» Der Bauernprofessor ließ sich überreden. 1921 ging er mit dem Zirkus auf Tour, erste Station war ein Jahrmarkt bei Nürnberg. Hier legte er los, wie er das auf Altdorfs Straßen oder in Gspannberg konnte: Aus dem Publikum riefen ihm Leute das Datum ihres Geburtstags zu und Kratzer rechnete ihnen in Sekunden vor, seit wie vielen Jahren, Monaten, Wochen, Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden sie auf der Welt waren.

Im Gespräch mit den Reportern im Jahr 1936 will ein Journalist vom Bauernprofessor eine Demonstration seiner Kunst: Am 16. 12. 1909 sei er geboren, so der Zeitungsmann, wie alt sei er also am 16. 12. 1936? In genau zwei Sekunden hat der kleine Mann mit dem hageren Gesicht und den kurzsichtigen Augen, die immer ein wenig entzündet sind, die Lösung: 324 Monate, oder 1404 Wochen, 9855 Tage, 236.000 Stunden, 14.191.200 Minuten oder 851.472.000 Sekunden. Der Journalist rechnet nach und ist fasziniert. Genauso das Publikum im Zirkus: So schnell hat man noch nie jemanden rechnen sehen. Die Vorstellungen mit dem kleinen Mann sind immer ausverkauft, Kratzer zieht mit dem Zirkus bis nach München, wo man zum Oktoberfest gastiert, anschließend geht es nach Augsburg. Erst als die Zirkusleute ihre Tournee im Ausland fortsetzen wollen, geht Georg Kratzer wieder zurück nach Gspannberg.

Er war jetzt sechs Wochen mit dem fahrenden Volk unterwegs – hat kein Honorar bekommen sondern nur freie Kost und Unterkunft und gefallen hat es ihm trotzdem. Sein ganzes Leben lang zieht es ihn immer wieder in die Stadt, wenn ein Zirkus durchkommt. Kurz vor seinem Tod wird er noch einmal in Fürth im Zirkus Busch auftreten. Darüber berichtet Thomas Uebler 1987 in einem Beitrag für den Boten. Uebler hatte die beiden Neffen von Georg Kratzer, Stefan und Georg Kratzer, getroffen. Georg Kratzer schilderte, wie er seinen Onkel nach Fürth zum Busch begleiten musste. «Allein hätte er sich in Fürth nicht zurechtgefunden, da bin ich mitgefahren», erzählte der Neffe des Bauernprofessors dem Berichterstatter des Boten vor 22 Jahren.

In Altdorf und Rasch war der Kratzer-Schorsch bestens bekannt. Wie niemand anders konnte er sich Namen in Verbindung mit Geburtsdaten merken. In den Straßen sprach er regelmäßig Leute an und fragte sie nach ihrem Geburtstag, nur um ihnen später, wenn der Geburtstag da war, zu gratulieren. Dafür gab’s dann immer ein Zehnerl für den Schorsch. Auf dem Heimweg von Altdorf machte Kratzer immer im Rascher Gasthaus Schrammel halt. Trinken tat er nie etwas, wie Wirt Georg Schrammel im Gespräch mit Thomas Uebler erzählte. Der Bauernprofessor setzte sich nur an den Tisch, an dem schon die meisten Leute hockten.

Legendär sind die Geschichten vom Scheitern neunmalkluger Besucher, die endlich beweisen wollten, dass es mit Kratzers Rechenkünsten doch nicht so gut stand, wie überall behauptet.

Eines Tages tauchte auf dem Kratzerhof in Gspannberg eine Gruppe Münchner Journalisten auf, die Artikel über den wundersamen Rechenkünstler aus Franken in ihren oberbayerischen Blättern bringen wollten. Einer der Reporter stellte eine aus seiner Sicht besonders schwere Frage: Wie viele Tage, Stunden, Minuten und Sekunden, wie viele Wochen und Monate hat jemand an einem 10. August hinter sich gebracht, wenn er an diesem Tag sein 36. Lebensjahr vollendet. Kratzer-Schorschs Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: 13.149 Tage, 315.576 Stunden, 18.934.560 Minuten, 1.236.073.600 Sekunden sowie 1873 Wochen und 432 Monate. Die Münchner rechneten nach – und rechneten noch mal nach. Dann hielten sie dem kleinen Gspannberger vor, er habe sich verrechnet. Bei den Sekunden beispielsweise. Da habe der Schorsch 1.236.073.600, die Lösung sei aber 1.135.296.000. Ach je. Ob der Bauernprofessor damals triumphierend gelächelt hat, wissen wir nicht, können es uns aber gut vorstellen. «Sie haben 777.600 Sekunden vergessen, meine Herren!», korrigierte er seine Gäste. «Die neun Schalttage, die man mit 36 Jahren erlebt hat, müssen Sie berücksichtigen.»

Alex Blinten